B1 B1 · 1228 Wörter · 8 Min.
After Twenty Years
Nach zwanzig Jahren
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ÜbersetzungDer Streifenpolizist ging mit eindrucksvoller Haltung die Avenue hinauf. Das Eindrucksvolle war ihm zur Gewohnheit geworden und nicht zur Schau gedacht, denn Zuschauer gab es kaum. Es war gerade erst zehn Uhr abends, doch kühle Windstöße, in denen schon ein Hauch von Regen lag, hatten die Straßen beinahe menschenleer gefegt.
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ÜbersetzungEr rüttelte im Gehen an den Türen, ließ seinen Schlagstock in vielen kunstvollen, verschlungenen Bewegungen kreisen und warf hin und wieder einen wachsamen Blick die friedliche Straße hinab. Mit seiner kräftigen Gestalt und seinem leicht großspurigen Gang gab der Beamte ein stattliches Bild eines Hüters des Friedens ab. Die Gegend gehörte zu denen, die früh zur Ruhe gingen. Hin und wieder sah man die Lichter eines Zigarrenladens oder einer Imbissbude, die die ganze Nacht geöffnet hatte; aber die meisten Türen gehörten zu Geschäften, die längst geschlossen waren.
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ÜbersetzungEtwa auf halber Höhe eines Häuserblocks verlangsamte der Polizist plötzlich seinen Schritt. Im Eingang eines dunklen Eisenwarenladens lehnte ein Mann, eine nicht angezündete Zigarre im Mund. Als der Polizist auf ihn zuging, ergriff der Mann rasch das Wort.
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Übersetzung„Alles in Ordnung, Herr Wachtmeister“, sagte er beruhigend. „Ich warte nur auf einen Freund. Wir haben uns vor zwanzig Jahren verabredet. Klingt ein bisschen komisch, was? Nun, ich erkläre es Ihnen gern, wenn Sie sich vergewissern wollen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Ungefähr damals stand dort, wo jetzt dieser Laden ist, ein Restaurant – das Restaurant von ‚Big Joe‘ Brady.“
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Übersetzung„Bis vor fünf Jahren“, sagte der Polizist. „Dann wurde es abgerissen.“
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ÜbersetzungDer Mann im Eingang riss ein Streichholz an und zündete seine Zigarre an. Der Schein zeigte ein blasses Gesicht mit eckigem Kinn und wachen Augen und einer kleinen weißen Narbe nahe der rechten Augenbraue. Seine Krawattennadel war ein großer Diamant, eigenartig gefasst.
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Übersetzung„Heute vor zwanzig Jahren“, sagte der Mann, „habe ich hier bei ‚Big Joe‘ Brady mit Jimmy Wells zu Abend gegessen, meinem besten Kumpel und dem prächtigsten Kerl der Welt. Er und ich sind hier in New York aufgewachsen, zusammen wie zwei Brüder. Ich war achtzehn und Jimmy zwanzig. Am nächsten Morgen wollte ich in den Westen aufbrechen, um mein Glück zu machen. Keine zehn Pferde hätten Jimmy aus New York weggebracht; er hielt es für den einzigen Ort auf Erden. Nun, wir verabredeten an jenem Abend, uns genau zwanzig Jahre später, auf den Tag und die Stunde, hier wiederzutreffen, ganz gleich, wie es um uns stünde oder aus welcher Entfernung wir kommen müssten. Wir rechneten uns aus, dass in zwanzig Jahren jeder von uns sein Schicksal entschieden und sein Glück gemacht haben müsste, wie auch immer es ausfallen würde.“
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Übersetzung„Klingt ziemlich interessant“, sagte der Polizist. „Eine lange Zeit zwischen zwei Treffen allerdings, finde ich. Haben Sie seit Ihrer Abreise nichts mehr von Ihrem Freund gehört?“
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Übersetzung„Doch, eine Zeitlang haben wir uns geschrieben“, sagte der andere. „Aber nach ein, zwei Jahren verloren wir einander aus den Augen. Wissen Sie, der Westen ist ganz schön groß, und ich bin dort ziemlich rastlos herumgezogen. Aber ich weiß, dass Jimmy hier sein wird, wenn er noch lebt, denn er war immer der treueste, standhafteste alte Kerl der Welt. Er wird es nie vergessen. Ich bin tausend Meilen gereist, um heute Abend in dieser Tür zu stehen, und es lohnt sich, wenn mein alter Partner auftaucht.“
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ÜbersetzungDer wartende Mann zog eine prächtige Uhr hervor, deren Deckel mit kleinen Diamanten besetzt waren.
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Übersetzung„Drei Minuten vor zehn“, verkündete er. „Es war genau zehn Uhr, als wir uns hier an der Restauranttür trennten.“
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Übersetzung„Im Westen haben Sie es ziemlich weit gebracht, nicht wahr?“, fragte der Polizist.
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Übersetzung„Darauf können Sie wetten! Ich hoffe, Jimmy hat es halb so weit gebracht. Er war eher einer, der sich Schritt für Schritt voranmühte, so ein guter Kerl er auch war. Ich musste mich mit den schlauesten Köpfen messen, die es gibt, um zu meinem Vermögen zu kommen. In New York gerät man in einen Trott. Erst der Westen schleift einen rasiermesserscharf.“
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ÜbersetzungDer Polizist ließ den Schlagstock kreisen und tat ein, zwei Schritte.
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Übersetzung„Ich gehe dann weiter. Hoffentlich kommt Ihr Freund noch. Wollen Sie ihm eine strenge Frist setzen?“
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Übersetzung„Aber ganz bestimmt nicht!“, sagte der andere. „Ich gebe ihm mindestens eine halbe Stunde. Wenn Jimmy am Leben ist, wird er bis dahin hier sein. Machen Sie's gut, Herr Wachtmeister.“
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Übersetzung„Gute Nacht, mein Herr“, sagte der Polizist, ging auf seiner Runde weiter und rüttelte im Gehen an den Türen.
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ÜbersetzungInzwischen fiel ein feiner, kalter Nieselregen, und der Wind war aus unsteten Böen zu einem gleichmäßig kräftigen Wind angewachsen. Die wenigen Fußgänger, die in dieser Gegend noch unterwegs waren, eilten trübselig und stumm dahin, die Mantelkragen hochgeschlagen, die Hände in den Taschen. Und im Eingang des Eisenwarenladens rauchte der Mann, der tausend Meilen gekommen war, um eine geradezu absurd ungewisse Verabredung mit dem Freund seiner Jugend einzuhalten, seine Zigarre und wartete.
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ÜbersetzungEtwa zwanzig Minuten wartete er, dann kam ein großer Mann in einem langen Mantel, den Kragen bis zu den Ohren hochgeschlagen, von der gegenüberliegenden Straßenseite herübergeeilt. Er ging geradewegs auf den Wartenden zu.
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Übersetzung„Bist du das, Bob?“, fragte er zweifelnd.
“ , Jimmy Wells?” .
Übersetzung„Bist du das, Jimmy Wells?“, rief der Mann in der Tür.
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Übersetzung„Meine Güte!“, rief der Neuankömmling aus und ergriff mit beiden Händen die Hände des anderen. „Das ist Bob, so sicher wie das Amen in der Kirche. Ich war mir sicher, dass ich dich hier finden würde, wenn es dich noch gibt. Na so was! Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Das alte Restaurant ist weg, Bob; ich wünschte, es hätte sich gehalten, dann hätten wir noch einmal dort zu Abend essen können. Wie hat der Westen dich behandelt, alter Junge?“
“; . , Jimmy. .”
Übersetzung„Großartig; er hat mir alles gegeben, worum ich ihn gebeten habe. Du hast dich ganz schön verändert, Jimmy. Dass du um zwei, drei Zoll größer bist, hätte ich nie gedacht.“
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Übersetzung„Ach, nach meinem zwanzigsten Geburtstag bin ich noch ein Stück gewachsen.“
“ York, Jimmy?”
Übersetzung„Geht's dir gut in New York, Jimmy?“
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Übersetzung„Einigermaßen. Ich habe eine Stelle in einer der städtischen Behörden. Komm, Bob; wir gehen in ein Lokal, das ich kenne, und reden ausgiebig über alte Zeiten.“
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ÜbersetzungDie beiden Männer gingen Arm in Arm die Straße hinauf. Der Mann aus dem Westen, dessen Selbstgefälligkeit durch den Erfolg gewachsen war, begann, den Verlauf seiner Laufbahn zu schildern. Der andere, tief in seinen Mantel vergraben, hörte interessiert zu.
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ÜbersetzungAn der Ecke stand eine Drogerie, hell erleuchtet von elektrischem Licht. Als sie in diesen grellen Schein traten, wandte jeder von ihnen im selben Augenblick den Kopf, um dem anderen ins Gesicht zu sehen.
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ÜbersetzungDer Mann aus dem Westen blieb abrupt stehen und zog seinen Arm zurück.
“ Jimmy Wells,” . “ , Roman .”
Übersetzung„Du bist nicht Jimmy Wells“, fuhr er ihn an. „Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, aber nicht lang genug, um einem Mann aus einer Adlernase eine Stupsnase zu machen.“
“ ,” . “ , ‘Silky’ Bob. Chicago . , ? . , . . Wells.”
Übersetzung„Manchmal macht sie aus einem guten Mann einen schlechten“, sagte der große Mann. „Du bist seit zehn Minuten verhaftet, ‚Silky‘ Bob. Chicago vermutet, du könntest zu uns herübergekommen sein, und telegrafiert, dass es sich gern mit dir unterhalten möchte. Kommst du ruhig mit? Das ist vernünftig. Nun, bevor wir weiter zur Wache gehen, hier ist eine Nachricht, die ich dir übergeben sollte. Du kannst sie hier am Fenster lesen. Sie ist von Streifenpolizist Wells.“
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ÜbersetzungDer Mann aus dem Westen faltete das kleine Stück Papier auseinander, das man ihm reichte. Seine Hand war ruhig, als er zu lesen begann, doch als er fertig war, zitterte sie ein wenig. Die Nachricht war ziemlich kurz.
Bob: . Chicago. , .
ÜbersetzungBob: Ich war pünktlich am verabredeten Ort. Als du das Streichholz angerissen hast, um deine Zigarre anzuzünden, habe ich gesehen, dass es das Gesicht des Mannes war, der in Chicago gesucht wird. Irgendwie habe ich es nicht über mich gebracht, es selbst zu tun, also bin ich weggegangen und habe einen Beamten in Zivil geholt, der die Sache erledigen sollte.
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ÜbersetzungJIMMY.
Originaltext: Project Gutenberg, «The Four Million» (1906). Gemeinfrei.